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Daishin Zen Schule

Demut ist der Schlüssel zu Freiheit und Glück

von Hubert Benoit *

Hubert Benoit
Man muss das eigentliche Wesen der Demut genau verstehen, um zu erkennen, dass hier allein der Schlüssel zu unserer wirklichen Freiheit und Größe zu finden ist.

Wir leben schon jetzt im Zustande der Erleuchtung, doch verhindert die unablässige Tätigkeit der psychologischen Automatismen, die einen circulus vitiosus in uns herstellen, ein fruchtbares Bewusstwerden dieser Tatsache: Unser ständiges Bewegtsein durch Vorstellungen und Gefühle macht uns die Erkenntnis unserer 'Buddha-Natur' unmöglich, und da wir deshalb zu der Überzeugung gelangen, unserer wesenhaften Wirklichkeit entbehren zu müssen, werden wir zu Vorstellungen gezwungen, die den vermeintlichen Mangel ausgleichen sollen.

Ich fühle mich von meinem eigenen 'Sein' getrennt und suche danach, mich wieder mit ihm zu vereinigen. Da ich mich nur innerhalb der Grenzen meiner individuellen Eigentümlichkeiten kenne, suche ich auch das Absolute in individueller Form zu finden. Durch diese Bemühung wird eine 'Fiktion von Göttlichkeit’ in mir erzeugt und am Leben erhalten, nämlich der ursprüngliche Anspruch, als Individuum und im Bereich der Erscheinungswelt vollkommen und allmächtig sein zu wollen.

Da es mir bis jetzt unmöglich ist, von meinem Selbst, von meiner Buddha -Natur als universaler Mensch und nicht als begrenztes Individuum ein Bewusstsein zu erlangen, bin ich unablässig gezwungen, mir eine von Grund aus falsche Vorstellung von meiner Situation innerhalb der Welt zu bilden.

Alle natürlichen psychologischen Automatismen vor der Erleuchtung gründen sich auf die Eigenliebe, auf den Anspruch auf Persönlichkeit und auf Bestreben, 'mich emporzuheben‘. Und gerade diese Forderung nach individueller Steigerung hält mir meine unbegrenzte universelle Würde verborgen. Dieser Anspruch, der alle Bemühungen, alles Streben durchdringt, ist zuweilen als solcher schwer erkennbar.

Meine Erfolge steigern mich, und meine Misserfolge demütigen mich. Jede Wahrnehmung von etwas Positivem innerhalb der Welt steigert mich, jedes Innewerden des Negativen demütigt mich. Wenn wir den tiefsten Grund unserer Eigenliebe richtig sehen, so müssen wir zu der Einsicht kommen, dass jede nur vorstellbare Freude eine Befriedigung und jedes nur vorstellbare Leid eine Verwundung unserer Eigenliebe bedeuten. Wir verstehen dann, dass unsere anspruchsvolle Einstellung die Gesamtheit unserer Gefühlsautomatismen beherrscht, d.h. die Ganzheit unseres Lebens.

Nur die freie Einsicht entzieht sich diesem Herrschaftsanspruch.

Mein dem Ego verhaftetes Streben nach ‚oben‘ muss, da es falsch ist und sich in einem grundsätzlichen Widerspruch zu der Wirklichkeit der Dinge befindet, in einer unablässigen Tätigkeit meiner Vorstellungskraft seinen Ausdruck finden.

Die ganze Frage der menschlichen Angst lässt sich in dem Problem der Demütigung zusammenfassen. Von der Angst geheilt zu werden, bedeutet, von der Möglichkeit der Demütigung befreit zu werden. Woher kommt die Demütigung? Etwa daher, dass ich meine Ohnmacht erkenne? Das wäre kein ausreichender Grund. Sie steht im Zusammenhang mit der Tatsache, dass ich vergeblich versuche, meine wahre Ohnmacht nicht zu sehen. Das Gefühl der Demütigung wird nicht durch die Machtlosigkeit an sich hervorgerufen, sondern durch den Schock, den ich erleide, wenn mein Anspruch auf vollkommene Überlegenheit mit der Wirklichkeit der Dinge zusammenstößt. Ich erleide keine Demütigung, weil die Außenwelt mich ablehnt, sondern weil es mir nicht gelingt, dieser Verneinung Herr zu werden. Der wahre Grund unserer Angst ist niemals in der Außenwelt zu finden, sondern einzig in dem Anspruch, den wir aus uns heraus stellen und der gegen die Mauer der Wirklichkeit prallt. Wenn ich meinen Anspruch aufgäbe, würde mich nichts mehr verletzen können.

Wenn ich mich gedemütigt fühle, so deshalb, weil es meinen Vorstellungsautomatismen gelungen ist, die Erkenntnis der Wirklichkeit zu verdrängen. Ich ziehe keine Nutzen aus der heilsamen Lehre, die sich mir fortgesetzt anbietet, da ich sie zurückweise, da ich unablässig auf Mittel sinne, die Erfahrung der Demütigung zu umgehen. Kaum gerate ich in eine demütigende Lage, die mich in das Geheimnis hätte einweihen können, so ist auch schon meine Vorstellungskraft bemüht, die scheinbare Gefahr zu bannen. Sie kämpft gegen die angebliche 'Herab'setzung und tut alles, mich wieder in den gewohnten Zustand befriedigter Anmaßung zurückzuholen, in dem ich zwar einen vorübergehenden Aufschub erhalte, jedoch auch die Gewissheit neuer Angstzustände. Kurz gesagt, wehre ich mich unausgesetzt gegen alles, was sich mir als Rettung darbietet, und kämpfe zäh und hartnäckig, um die Quelle meines Übels zu verteidigen. Alle inneren Bemühungen haben die Tendenz, der Erleuchtung entgegenzuarbeiten, da sie nach „oben“ zielen, während die Erleuchtung „unten“ auf mich wartet. Daher sagt die Zen-Lehre mit Recht, dass die Erleuchtung unvorhergesehen über uns komme, wenn alle Kräfte unseres Wesens erschöpft sind.

Aber jede Bemühung, die Demut zu erreichen, kann nur zur falschen Demut fuhren, indem ich durch das so von mir erschaffene neue Idol noch immer mein Ego steigere. Es ist mir ganz unmöglich, mich selbst zu erniedrige, d. h. selbst die Intensität meines 'Seins'-Anspruchs herabzumindern. Alles, was ich tun kann und soll, wenn ich der Angst endgültig entkommen will, besteht darin, den Lehren der konkreten Wirklichkeit immer weniger zu widerstreben, mich immer besser vor dem Offenbarwerden der kosmischen Ordnung zu beugen. Und hier gibt es nichts, was ich unmittelbar „tun“ oder „lassen“ könnte. Ich werde lediglich aufhören, mich der konstruktiven, harmonisierenden Wirkung der Demütigung entgegenzustellen, sobald ich verstanden habe, dass das wahre Gut paradoxerweise da zu suchen ist, wo ich bisher den Sitz des Übels vermutete. Von dem Augenblick an, da es mir gelingt, mich im Zustand der Demütigung nicht mehr von der Stelle zu rühren, werde ich zu meiner Überraschung erkennen, dass hier der „Ort der Ruhe“ ist, das einzige Tort zum Heil und die einzige Stelle der Welt, wo ich vollkommen geborgen bin. Wenn ich nun an diesem Zustand festhalte, anstatt wie sonst ihn abzulehnen. kann das Wirken des Versöhnenden Prinzips einsetzen.

Die Gegensätze werden ausgeglichen, mein Leiden verschwindet und damit auch ein Teil meines ursprünglichen Anspruchs. Ich fühle mich wieder „unten“, auf dem Erdboden in der wahren Demut. Derartige innere Vorgänge werden vom Gefühl der Trauer, der Nacht begleitet und doch unterscheidet sich das Gefühl von der Angst, da es von einer großen Ruhe durchdrungen ist. In diesem Zeitraum nächtlicher Ruhe und vollkommener Selbstaufgabe vollziehen sich die Prozesse der von uns so genannten inneren „Alchemie“. Der alte Mensch löst sich auf. da ein neuer Mensch ans Licht will. Um der Geburt des Universalen willen stirbt das Individuelle.

Wer die wahre Demut erreichen will, muss zuvor also auch die Demütigung annehmen. Jedes Leid vermag uns durch das Demütigende darin zu verwandeln - aber die Demut ist kein „Weg“. Denn solange ich dies nicht begriffen habe, werde ich immer den oder jenen Anspruch innerhalb des konkreten Lebens aufgeben wollen, werde ich mich vielleicht mit einem nur mittelmäßigen sozialen Rang zufrieden geben usw. Das aber hieße die Demütigung meiden, statt sie sich zunutze zu machen, Geheuchelte Demut ist und bleibt geheuchelt. Es kann sich nicht darum handeln, meine ursprünglichen Ansprüche zu ändern, sondern darum, in richtiger Weise von den einleuchtenden Erkenntnissen Gebrauch zu machen, die mir im Verlauf der Auswirkungen jener Ansprüche zuteil werden dank des demütigen Scheiterns, zu dem sie zwangsweise fuhren müssen. Höre ich jedoch nur künstlich auf, das Nicht-Ich zu bekämpfen, so beraube ich mich selbst der unerlässlichen Belehrung, die mir aus meinen Niederlagen erstehen kann.

Der Gedanke der Demut bildet, auch wenn dieser Tatsache nicht immer Ausdruck verliehen wird, den Mittelpunkt der Zen-Lehre. In der gesamten Literatur des Zen können wir durchgängig die Beobachtung machen, wie die Zenmeister in einem ihnen geeignet erscheinenden Augenblick ihre Schüler zutiefst demütigen. Ob diese Demütigung nun durch einen Meister oder durch ein selbsterlebtes Scheitern kommt, die Erleuchtung wird immer in einem Augenblick ausgelöst, da die Demütigung ihre Vollendung erfährt vor der endlich ans Licht tretenden Sinnlosigkeit aller ehrgeizigen Bemühungen. Die einzige Aufgabe, die uns zuteil wird, besteht darin, die Wirklichkeit zu verstehen und von ihr uns wandeln zu lassen.

* Aus: Hubert Benoit, "Die hohe Lehre", O.W. Barth 1958
Mit freundlicher Genehmigung des O.W.Barth Verlages

Hubert Benoit, 1904 – 1992, französischer Arzt, Psychiater, Schriftsteller und Mystiker.